Digitale Entscheidungshilfen in der Sturzprävention: Was die eSTEPS-Studie für die Physiotherapie zeigt
Laut JAMA Network Open untersuchte eine cluster-randomisierte Studie mit 11.945 älteren Erwachsenen ein elektronisches Entscheidungshilfesystem zur Sturzprävention in der hausärztlichen Versorgung.

Es gab individuelle Übungsempfehlungen und die Möglichkeit, zur Physiotherapie zu überweisen; die dokumentierte Sturzrate betrug 19,3 statt 21,2 pro 100 Personenjahre. Für Physiotherapiepraxen ist vor allem interessant, dass die Überweisung als Teil eines strukturierten Entscheidungswegs betrachtet wurde.
Was die Zahlen aussagen
Die Studie berichtet Sturzraten pro 100 Personenjahre. Das ist keine Angabe dazu, wie viel Prozent der Teilnehmenden mindestens einmal gestürzt sind. In der Interventionsgruppe wurden 19,3 Stürze pro 100 Personenjahre dokumentiert, in der Vergleichsgruppe 21,2. Die Werte beschreiben damit einen Unterschied zwischen den Gruppen, aber der verfügbare Studienauszug erläutert weder die statistische Auswertung noch, ob der Unterschied als statistisch gesichert eingestuft wurde.
Auch die Größenordnung sollte nicht missverstanden werden: Die Differenz beträgt 1,9 Stürze pro 100 Personenjahre. Daraus lässt sich ohne weitere Angaben nicht ableiten, wie viele einzelne Menschen durch das System vor einem Sturz bewahrt wurden. Ebenso wenig zeigt der kurze Bericht, welche Übungen empfohlen wurden, wie lange die Teilnehmenden begleitet wurden oder wie häufig eine Überweisung zur Physiotherapie tatsächlich erfolgte. Solche Details wären nötig, um die Ergebnisse auf einen konkreten Praxisablauf zu übertragen.
Was Praxen daraus mitnehmen können
Das untersuchte System verband individuelle Übungsempfehlungen mit einer optionalen Überweisung zur Physiotherapie. Für Praxen ist das ein sinnvoller Anlass, die eigenen Wege zwischen Erkennen eines Unterstützungsbedarfs, Empfehlung von Übungen und Weiterleitung zur Therapie zu prüfen. Die Studie belegt anhand des verfügbaren Auszugs jedoch nicht, welche einzelne Komponente den beobachteten Unterschied erklärt. Insbesondere lässt sich daraus nicht herauslesen, ob die Übungsempfehlungen, die Überweisungsmöglichkeit oder das Zusammenspiel beider Ansätze entscheidend war.
Für die Einordnung in der eigenen Arbeit lohnt es sich daher, zunächst konkrete Fragen zu stellen: Wie werden passende Übungen individuell empfohlen? Ist für Patientinnen und Patienten nachvollziehbar, wann Physiotherapie als nächster Schritt infrage kommt? Und wird eine solche Weiterleitung im Versorgungsablauf tatsächlich angeboten? Das sind Prüfpunkte für die Praxis, keine Ergebnisse, die der Studienbericht bereits beantwortet.
Die Meldung liefert einen Hinweis darauf, dass digitale Entscheidungshilfen und ein möglicher Zugang zur Physiotherapie gemeinsam untersucht wurden. Sie reicht allein aber nicht aus, um eine bestimmte Maßnahme als wirksam oder für jede Praxis passend einzustufen. Wer die Ergebnisse für die eigene Versorgung nutzen möchte, sollte deshalb den vollständigen Studienbericht heranziehen, bevor daraus konkrete Änderungen an Empfehlungen oder Abläufen abgeleitet werden.